Bönen. Wie lässt sich Herzsicherheit messen, bewerten und künftig auch zertifizieren? Mit dieser anspruchsvollen Frage beschäftigten sich die Teilnehmer des ersten Workshops im Rahmen des Wismarer Herzforums am 16. Oktober 2026 in der Alten Mühle in Bönen. Die intensiven Diskussionen machten deutlich: Der Weg zu einem bundesweit anwendbaren Standard ist anspruchsvoll – aber die Grundlagen nehmen zunehmend Gestalt an.
Nach der Auftaktkonferenz des Wismarer Herzforums im November 2025 ging es in Bönen erstmals ganz konkret um die Entwicklung eines überprüfbaren Kriterienkatalogs. Unter dem Leitmotiv „Messen und Bewerten“ diskutierten Vertreter aus Verwaltung, Medizin, Wirtschaft und öffentlichen Organisationen, welche Voraussetzungen Städte, Kommunen und Unternehmen erfüllen müssen, um tatsächlich als herzsicher gelten zu können.
Nach der Begrüßung durch Definetz-Vorsitzenden Friedrich Nölle und Bönens Bürgermeister Nils Böckmann begann ein intensiver Arbeitstag, der weniger von klassischen Vorträgen als von der gemeinsamen Erarbeitung und kritischen Diskussion möglicher Bewertungskriterien geprägt war.
Herzsicherheit ist mehr als ein Defibrillator
Schnell wurde deutlich, wie vielschichtig das Thema ist. Ein vorhandener Defibrillator allein macht noch keinen Standort herzsicher. Entscheidend sind unter anderem seine tatsächliche Erreichbarkeit, die Einbindung geschulter Ersthelfer, funktionierende Alarmierungswege und das Zusammenspiel mit der professionellen Rettungskette.
Doch wie lassen sich solche Faktoren objektiv erfassen? Welche Kriterien sind unverzichtbar, welche ergänzend? Und wie kann ein Bewertungssystem unterschiedlichen räumlichen, organisatorischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen gerecht werden?
Insbesondere die Unterscheidung zwischen Unternehmen und Kommunen bildete einen Schwerpunkt der Beratungen. Während sich betriebliche Strukturen häufig klar abgrenzen lassen, müssen bei Städten und Gemeinden deutlich komplexere Zusammenhänge berücksichtigt werden.
Die Diskussionen waren entsprechend intensiv. Es ging nicht allein darum, möglichst viele Kriterien zusammenzutragen, sondern vor allem darum, aus ihnen nachvollziehbare, überprüfbare und in der Praxis anwendbare Fragestellungen zu entwickeln.
Vom Kriterienkatalog zum Bewertungssystem
Ein wesentlicher Bestandteil des Workshops war deshalb die Formulierung konkreter Prüffragen und deren Zuordnung zu geeigneten Fragengruppen. Auch die Ergebnisse der Tegernsee-Tagung wurden in die Beratungen einbezogen.
Dabei rückte eine grundsätzliche Herausforderung in den Vordergrund: Herzsicherheit muss einerseits anhand einheitlicher Maßstäbe bewertet werden können, andererseits müssen unterschiedliche Ausgangssituationen angemessen berücksichtigt werden.
Ein Unternehmen mit wenigen Beschäftigten stellt andere Anforderungen an seine Notfallvorsorge als ein großer Industriebetrieb. Ebenso unterscheiden sich die Bedingungen einer ländlichen Gemeinde von denen einer Großstadt.
Die intensive Auseinandersetzung mit diesen Fragen zeigte, dass ein belastbarer Standard nicht allein am Schreibtisch entstehen kann. Er braucht den interdisziplinären Austausch, unterschiedliche Perspektiven und die Bereitschaft, bestehende Vorstellungen kritisch zu hinterfragen.
Nächster Schritt: Wismar im Dezember
Die Arbeit aus Bönen wird bereits am 11. Dezember 2026 in Wismar fortgesetzt. Der zweite Workshop steht unter dem Titel „Gruppen und Kriterien“ und wird sich insbesondere mit der Frage beschäftigen, wie sich die erarbeiteten Bewertungsmaßstäbe auf unterschiedliche Anwendungsbereiche übertragen lassen.
Ob Stadt, Wohnquartier, Unternehmen oder Freizeiteinrichtung: Nicht überall können dieselben Anforderungen gelten. Ziel ist es deshalb, geeignete Bewertungsgruppen zu definieren und den Kriterienkatalog weiter zu präzisieren.
Die Ergebnisse beider Workshops sollen schließlich in die Abschlusskonferenz des Wismarer Herzforums vom 21. bis 23. Januar 2027 in Wismar einfließen. Dort sollen die erarbeiteten Grundlagen, wissenschaftlichen Bewertungen und praktischen Erfahrungen zu einem tragfähigen Gesamtkonzept zusammengeführt werden.
Das übergeordnete Ziel bleibt ambitioniert: ein wissenschaftlich fundierter, praxistauglicher und unabhängiger Standard, der Herzsicherheit erstmals nachvollziehbar messbar und vergleichbar macht.
Der Workshop in Bönen hat gezeigt, dass auf dem Weg dorthin noch viele Fragen zu beantworten sind. Vor allem aber hat er deutlich gemacht, dass die Beteiligten bereit sind, diese Fragen gemeinsam und mit der notwendigen Gründlichkeit anzugehen.
Weitere Informationen: www.wismar-herzforum.org
